USCHI BRACKER
MALEREI UND GRAFIK

4. bis 17. Oktober 2020



Kindererholungsheim

Heute las ich in der Zeitung einen Artikel über verschickte Kinder und dachte sofort an meine hochbetagte Mutter und deren Geschichten über Evakuierungen während des zweiten Weltkrieges. Ihre Geschwister und sie wurden nach Lippstadt, in den Harz und in die Nähe von Würzburg zu fremden Menschen geschickt, um dort den todbringenden Krieg überleben zu können.

Mein Onkel, der Zwillingsbruder meiner Mutter, wurde durch die Bombenangriffe in seiner Heimatstadt H. sehr krank und blieb sein Leben lang in Baden-Württemberg, weil er dort in seiner Pflegefamilie aufgenommen wurde und eine Lehrstelle als Zimmermann, später eine Festanstellung in deren Zimmerei, bekam. In H. hätte er im Bergbau arbeiten müssen, das hätten seine angegriffenen Nerven nicht verkraftet. Er besuchte uns regelmäßig zu Weihnachten im Ruhrgebiet, ich erinnere mich an die Tränen meiner Mutter, Tante und Oma, wenn er zur Tür in die Wohnung meiner Tante herein kam, wo wir alle auf ihn warteten.

Das heutige Thema in der Zeitung, bei dem ich hängen geblieben bin, behandelte allerdings Kinder, die bis in die 90iger Jahre des 20. Jahrhunderts zur Erholung in deutsche Heime verschickt wurden.

Das hatte auch ich erlebt. Nach einer schweren Bronchitis, von der ich mich nur langsam erholte (meine Eltern rauchten beide munter in meiner Gegenwart in unserer Zweieinhalbzimmerwohnung), empfahl meine alte Klassenlehrerin meiner Mutter, mich mit der Inneren Mission aufs Land zu schicken. Im Sommer, als ich 9 Jahre alt war und in die dritte Klasse unserer Grundschule ging, fuhr ich mit anderen, mir fremden Kindern nach F. im Schwarzwald. Bevor wir unsere Zimmer beziehen konnten, wurden wir in einen großen Raum geführt, in dem Feldbetten mit grauen, kratzigen Wolldecken dicht an dicht auf uns warteten. Dort mussten wir die Wartezeit verbringen. Wir sollten uns von der Anreise ausruhen, durften nicht mit unseren Nachbar*innen flüstern, sofort wurden wir ermahnt. Mit meiner Nachbarin verständigte ich mich auch ohne Worte, wir blieben die vier Wochen unseres Aufenthaltes ganz nah beisammen.

Die Wartezeit am Anfang unseres Aufenthaltes erschien mir damals unendlich lang, ich war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Ich weinte leise unter der Decke, wie viele der in meiner Nähe liegenden Kinder, fühlte mich gefangen und vergessen. Aber irgendwann durften wir dann doch aufstehen. Mittagsruhe allerdings sollte täglich zwei Stunden nach dem Mittagessen eingehalten werden. Ich fand aber bald heraus, dass ich nicht ins Bett brauchte, wenn ich mich zum Abtrocknen des Geschirrs meldete, was ich dann dem Stillliegen vorzog, weil wir danach auf den Spielplatz durften, um die ruhenden Kinder nicht zu stören. Das schmerzhafte Heimweh verging nach einigen Tagen, die Freundschaft zu meiner Pritschennachbarin verhalf mir zu einem im Nachhinein angenehm empfundenen Aufenthalt. Obwohl ich es auch erlebt habe, dass Kinder ihr Erbrochenes essen sollten. Die haben sich geweigert und sind am Ende verschont geblieben. Ich erinnere mich noch, dass wir Kinder in der letzten Woche unseres Aufenthaltes täglich in einen Raum mit Höhensonne gebracht, gewogen wurden und am Schluss eine Tafel Schokolade geschenkt bekamen, wenn wir an Gewicht zugenommen hatten. Ich hatte wohl Glück mit gnädigem Personal gehabt. Die schwarze Pädagogik der damaligen Zeit hat mich dazu gebracht, Auswege aus mir unliebsamen Situationen zu suchen und zu finden, obwohl die Spuren der Einschüchterung tief in meiner Seele eingebrannt sind.

Die Infektionszahlen von Covid19 steigen dramatisch, hoffentlich überstehen wir den Winter gut.

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